Medientipps in Zeiten von Social Distancing: Teil 2 #Coronationalismus?

Corona-Medientipp #2: Coronationalismus? Kritik des Nationalismus in Zeiten der Krise. Input und Gespräch mit Thorsten Mense.

Mit der Idee, euch in unregelmäßigen (geplant ist ca. einmal wöchentlich) Abständen mit Medientipps zu versorgen, haben wir letzte Woche begonnen. Nach dem Teil 1 „#LeaveNoOneBehind – die Situation für Geflüchtete in Griechenland“ (https://contre.rosenheim.tk/medientipps-in-zeiten-von-social-distancing-teil-1-leavenoonebehind/) wollen wir als Teil 2 die heutige Diskussion zur „Kritik des Coronationalismus“ empfehlen.

update: Für alle die das Antufa Cafe 2.0 verpasst haben. Das ganze gibt es als Podcasts zum Nachhören: https://unterpalmen.net/aufgebacken-antifa-cafe-corona-nationalismus/

Im Wiener „Antifa Cafe 2.0“ gibt es heute (16.04.20) ab 19:00 Uhr einen Input und Diskussion mit Thorsten Mense (Soziologe, freier Autor und Journalist) zur Kritik des Nationalismus in Zeiten der Krise. Der Link zum Online-Stream wird hier : https://www.facebook.com/events/510008283210975/ geteilt

Aus der Ankündigung zur Onlineveranstaltung:

„In Krisenzeiten wird die Nation als rettende Gemeinschaft verstärkt angerufen. Sie soll Schutz bieten und verspricht soziale und politische Teilhabe, stets jedoch verbunden mit dem Ausschluss vermeintlich Anderer. Und auch das Wort der „Solidarität“ ist in aller Munde, doch in vielen Fällen in Verbindung mit nationalen Gemeinschaftsvorstellungen. Denn wer wird adressiert, wenn von „Solidarität“ gesprochen wird? Um wen geht es, wenn sich Österreichs Kanzler, Sebastian Kurz, in seinen Ansprachen an die „Österreicherinnen und Österreicher“ richtet oder wenn die Polizei „I am from Austria“-spielend durch die Gassen fährt? Marginalisierte Gruppen werden aus dieser nationalen Solidarität ausgeschlossen, das zeigt sich am deutlichsten an der Situation in den griechischen Lagern, in den Geflüchtete festgehalten werden. Das von vielen Seiten bemühte „Wir sitzen alle in einem Boot“ macht Klassen- und Herrschaftsverhältnisse unsichtbar und verschleiert, dass die Menschen ganz unterschiedlich von den aktuellen Auswirkungen der Krise betroffen sind. Doch Nationalismus wird in Krisenzeiten auch subjektiv nachgefragt: Die Nation erscheint als sicherer Hafen, als wärmende Gemeinschaft trotz der Vereinzelung.Die Anrufung des Staates, dem man jetzt durch sein Krisenmanagement zu Dank verpflichtet sei und dessen Maßnahmen man widerspruchslos zu verfolgen hat, ist auch eine Form der Herrschaftslegitimation. Das korrespondiert mit den „Verantwortungsuntertanen“ (Richard Schuberth) des #TeamÖsterreich und der bereitwilligen Akzeptanz von einschneidenden Maßnahmen, die teilweise ohne demokratische Abwägung und sichtbare Opposition durchgewunken werden. Es herrscht nationaler Schulterschluss. Der Stress des Home-Office und das #staythefuckhome, in dessen aggressivem Gestus die damit verbundenen Entbehrungen und Disziplinierungen schon mitschwingen, rotiert als autoritäres Ressentiment nach Außen. Moralisierung und Individualisierung der Corona-Krise sind jene Formen der aktuellen Krisenverarbeitung, die für die Misere das „egoistische“ Handeln Einzelner verantwortlich machen, und nicht etwa ein kaputtgespartes Gesundheitssystem, das nicht einmal dazu in der Lage ist, für ausreichend Kapazitäten und erträgliche Arbeitsbedingungen zu sorgen. Denunziationen von im Park spielenden Kindern nehmen exorbitante Ausmaße an. Die Polizei maßregelt gerne all jene, die nicht das Glück haben, sich im Garten des Einfamilienhauses die Zeit totzuschlagen. Generell wird das Zuhause, ähnlich wie die Vorstellungen von „Heimat“, in einem idyllischen und harmonischen Bild gezeichnet, die inhärenten patriarchalen Gewaltverhältnisse bleiben dabei ausgeblendet.Wir wollen gemeinsam mit Thorsten Mense diskutieren, woher das Bedürfnis nationaler Identität kommt und wie es sich in der aktuellen Corona-Krise artikuliert. Nationalismus ist immer mehr als ein Konstrukt oder eine Ideologie, sondern eine „reale Fiktion“ mit entscheidenden materiellen Auswirkungen. Welche Funktionen erfüllt Nationalismus und wie hat er sich geschichtlich herausgebildet? Welche Auswirkungen hat die aktuelle Situation auch für supranationale Institutionen wie die EU, wenn die Grenzen nicht nur an den Rändern, sondern auch im Inneren wieder hochgezogen werden und wenn Hilfsleistungen für Italien nicht nur ausgeblieben sind, sondern teilweise aktiv von andern EU-Staaten sabotiert wurden? Droht ein Rückfall in nationalistische Kleinstaaterei und das Ende des vermeintlich liberalen Europaprojekts? Und schließlich, was bedeutet das alles für eine radikale Linke und soziale Kämpfe, die sich gegen das Abwälzen der ökonomischen und gesellschaftlichen Krisenfolgen auf den Rücken der Lohnabhängigen positionieren? Wird aus dem Corona-Nationalismus auch ein „Gürtel-enger-schnallen“-Diktat in der sich abzeichnenden globalen Wirtschaftskrise, wo das Team Österreich für die Rettung des nationalen Wirtschaftsstandorts zusammenzustehen hat und unterschiedliche Interessen dem großen Ganzen unterzuordnen sind? Oder kann es mit einer grenzübergreifenden Solidarität von Unten gelingen, emanzipatorische Perspektiven zu entwickeln, die der nationalen Vergemeinschaftung durch Staat und Kapital entgegensetzt werden können?“


Falls Ihr aktuelles von Thorsten Mense lesen wollt, folgt ihm auf twitter (https://twitter.com/MenseThorsten) oder lest seinen neuen Artikel „Eine tödliche Rezeptur“ (dass die Coronapandemie Spanien besonders hart trifft, ist auch eine Folge des EU-Spardiktats) in der Jungel World. Wenn ihr mehr zum Thema des Vortrages lesen wollt ist sein Buch „Kritik des Nationalismus“ (2016, Schmetterling Verlag http://www.theorie.org/titel/685_kritik_des_nationalismus) zu empfehlen. In „Nachcoronazeiten“ könnt Ihr Euch das Buch auch kostenlos in der Bibliothek_A (http://bibliotheka.blogsport.de/) ausleihen.